Romantic Afternoon* ILive-Kritik in Schönschrift (Freischwimmer 2011)

Bild: Verena Billinger, Sebastian Schulz; alle Rechte vorbehalten

Sechs Menschen, die sich ununterbrochen küssen? Auf der Bühne? In Echt? Nicht weniger kündigen Verena Billinger und Sebastian Schulz für ihre Performance „Romantic Afternoon*“ an. Klingt nach jeder Menge Voyeurismus, ein bisschen Schamesröte und einer weiteren interessanten Perspektive auf die Frage nach Öffentlichkeit(en), die das Freischwimmer Festival in diesem Jahr stellt. Um dieser Frage eine weitere Dimension hinzuzufügen und diejenigen, die keine Karte mehr bekommen haben, am Knutsch-Spektakel zu beteiligen, gab es auf Schönschrift.org eine Live-Kritik direkt aus dem Hochzeitssaal. 

21:13 ein bisschen Verspätung… Los gehts

21:15 Sechs auf der Bühne, das war angekündigt. Zwei in der Mitte, die sich einander entgegen lehnen, mit geschlossenen Augen. Ob sie sich schon spüren? Der Abstand wird geringer…

21:17 Ja. Jetzt fast. Nasenkontakt. Und ein neues Paar. Die ersten zwei verschwinden in entgegen gesetzte Ecken des Raumes. Weiter gehts. Und paar Nummer 3, mit größerem Abstand…

21:19 Wann würde man sich finden, wenn man mit geschlossenen Augen aufeinander zu geht?

21: 20 Die ersten SChmatzen. Zwei Frauen, dann Paar Nummer 3 (hetero). Die ersten Kichern. Endlich hört man nicht mehr nur mein Tippen…

21:24 Die erste Umarmung. Die brauchen jetzt Namen oder Nummern, die Ers und Sies. Also: Er1 und Sie1 mit taubenblauem Shirt und und Bluejeans. Sie (Bluejeas) küsst jetzt Ihn2 mit Geheimratsecken. Sie2 (blonder Zopf) und 3 (goldene Streifen auf den Sneakers) warten am Rand. Er3 mit rotem KAropulli klatscht ab. Karopulli küsst Geheimratsecken.

21:28 Man kann sich so stupsen, küssen, umhalsen, umarmen, einanders Köpfe in den Händen halten, sich hocheben, verschlingen. Oder man kann dabei zusehen mit verschränkten Armen und hustend im Publikum. Und man kann getrennt werden und dann enttäuscht und benommen sein und sich gar nicht loslassen wollen, aber dann doch. Man kann sich laaaange Blicke zuwerfen…

21:31 Alle haben sich in der Mitte zusammen gefunden und schauen sich an. Vergnügt. Nein, sie schauen auf einen, der es mit sich selbst macht. Also, küssen. Aber das sieht irgendwie lächerlich aus. Da springt eine ein. Er2 und Sie mit blondem Zopf…

21:33 Also, wie wäre das jetzt, wenn ich nicht tippen dürfte. Schon eine halbe Stunde Anderen beim Küssen zugucken. Man muss ja gucken, deshalb ist man ja gekommen. In der Bahn würde ich weggucken oder in der Mensa oder so… aber das wär ja dann auch kein Theater. Muss die ganze Zeit dran denken, wie wohl deren Proben waren?

21:34 Achtung! 3 mal 2, küssende sich wiegende. Das Licht ist jetzt so ein bisschen schummerig geworden. Aber: erste richtige ERkenntnis, küssen kann man anscheinend immer nur zu zweit!

21:37 Und man kann es auf der Bühne offenbar auch besser im Stehen. Sie1 und 2 (Bluejeans und Goldstreifen) haben sich eben wieder erhoben. Taubenblau und Blondzopf sinken dafür nierder…

21:39 Jetzt mal ’ne technische Frage: sind das Filmküsse oder küssen die mit Zunge? Hört sich so an, ich sitz zu weit hinten, um das zu erkennen. Kann ja jeder’ne große Show abziehen, sich an die Wand drücken und über‘n BOden kugeln, aber sind das jetzt echte Küsse mit echten Zungen und Gefühlen und so? Stellen sich letztere vielleicht früher oder später ein, wenn man eine halbe STunde lang küsst?

21:42 Jetzt noch mehr Manipulation. Kaum Licht und Oper. Jetzt kann man wirklich nix mehr erkennen. Die könnten da alles machen, oder eben nicht. Aber echt oder nicht kann man da echt nicht mehr fragen. Dafür fühlt es sich mehr nach Theater an jetzt.

21:44 Das Licht ist wieder an. Und ich denke, ob man beim küssen schon gleich- und gemischt geschlechtlich unterscheidet? Mund ist Mund oder? Sieht zumindest so aus. Aber das sind ja auch Schauspieler. Und jetzt legen sie einen Zahn zu, sieht nach Akrobatik aus, Choreografie vielleicht, jedenfalls anstrengend… schön?

21:45 Au Mist, ein Lacher. Und ich hab den Grund verpasst wegen Tippen. Ah, da wurde getauscht!

21:48 Er3 und Taubenblau hatten grade so einen Moment. Das sah fast nach Kampf aus. Gerangel. Jetzt rollen sie übereinander über den Boden. Schieben die sich weg oder ziehen sie sich ran? Jedenfalls tauschen sie wieder.

21:50 Ok, hier kommt der Versucht. Knutschen zu sechst. Wird prompt mit Lachen aus dem Publikum quittiert. Aber funktioniert auch nicht. Lippen auf Lippen heißt offenbar zwei auf zwei, also eins zu eins. Auch im Kneul.

21:51 Hey, Trickottausch bei Ihm 1 und 2. Geheimratsecken nun in Taubenblau. Und doch ein Versuch zu dritt. Goldstreifen, Karos und Bluejeans. Mehr ist da beim besten Willen nicht mehr zu erkennen. MAchen die das eigentlich für uns oder für dich? Oder wegen der Kunst?

21:52 Schuhe aus. Ringelsocken statt Goldstreifen. Ich habe aufs falsche Pferd gesetzt. Alles nur Äußerlichkeiten. Die können getauscht oder ausgezogen werden. Aber auf irgendwas muss man sich doch stützen…

21:55 Es haben sich jetzt Dreiergruppen formiert. Die einen tummeln sich am Boden, die anderen steigen aufeinander rum. Ein bisschen Übermut, Freude, Lächeln, wo vorher nur KOnzentration gewesen ist…

21:57 Muss ich das eigentlich irgendwie sinnlicher beschreiben? Irgendwie romantischer, muss das schöner klingen? Ist eben eigentlich nicht schön. Also, vielleicht ein bisschen. Aber nee, eher… naja, schwierig. Ist das Porno? Aber anregend find ich es jetzt eben auch nicht unbedingt…

21:59 Er3 und Sie3 sind ganz aus der Puste. Von der Leidenschaftsimulation. Und schon lässt er die Karos fallen.

22:00 Alle wieder für sich. Mit geschlossenen Augen scheinen sie einander zu suchen. Mit Händen und Mündern, aber sie bleiben alleine.

22:01 Alleine mit den Posen, in denen sie eben noch so natürlich aussahen, als sie sie mit Partner „gespielt“ haben. Dunkel. Aber noch nicht Ende.

22:02 Tanzen im Schummerlicht. Das ist sehr schön.

22:04 Wieder hell. Und sie finden sich wieder. Man kann es hören. Ganz leises Schmatzen.

22:05 Wieder alle am Rand. Bis auf zwei, die sich jetzt auch trennen. Drei stehen drei gegenüber, Lichtwechsel, Klang. Walgesänge vielleicht? Alarm? Disco!

22:06 Musical! Grinsen und Küsschen. „Er hatte gold‘nes Haar, das glänzte wunderbar.“

22:07 Was singen die da? Fred vom Jupiter? Google sagt: deutsches Lied aus dem Jahr 1981. Hübsch. Und die Choreografie auch. Ende!

22:08 Huch, tatsächlich schon Schluss. Applaus!

Mit etwas mehr Ruhe und Abstand haben wir nachträglich auch noch eine Kritik zu „Romantic Afternoon*“ geschrieben.

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